Wie ich ein Bachelor of Arts wurde

Wir schreiben den 21. Dezember 2012. Am heutigen Tag erreichte mich mein hochoffizielles Bachelorzeugnis. Es gab keine Feierlichkeit und niemand überreichte mir die Unterlagen mit einem feuchten Händedruck. Ich stand ganz alleine im kalten Hauseingang und öffnete den Briefkasten. Darin lag ein großer aber unscheinbarer Umschlag. Absender war die Universität Erlangen-Nürnberg und ein Stempelaufdruck wieß darauf hin, die Sendung doch bitte nicht zu knicken.

Bevor ich den Umschlag an meinem neuen ostdeutschen Wohnort in Empfang nahm, hatte ich schon mehrfach Kontakt mit dem Prüfungsamt aufgenommen und auf den Umstand hingewiesen, dass ich mein Zeugnis erst dringend und schlißlich sehr dringend bräuchte. Sowohl die neue Universität als auch das Amt für Ausbildungsförderung wollten sich von meinem Abschluss überzeugen, bevor ich weiterhin ihre Leistungen in Anspruch nehmen dürfte. Nur acht Wochen nach der letzten verbuchten Prüfungsleistung stand ich nun vor dem weißen Briefkasten und nahm die Lorbeeren eines dreijährigen Studiums endlich in Empfang.

Um dieses Stück Papier zu erhalten, besuchte ich 16 Vorlesungen, 18 Seminare, 2 Übungen, 1,5 Tutorien und absolvierte ein achtwöchiges Praktikum. Meine Endnote setzt sich aus 26 Einzelnoten aus 6 Semestern Studium zusammen. In der Spitze schrieb ich am Ende eines Semesters Prüfungen für 8 Veranstaltungen. Das ist Bachelor.

Ich will mich über diese Art des Studiums nicht direkt beschweren, denn ich bin gut durchgekommen und habe eine Abschlussnote erhalten, mit der ich zufrieden bin, aber in den drei Jahre sind mir einige graue Haare gewachsen, auf die ich hätte verzichten können. Die Institution Universität und die Ausbildung eines Studiums sind an Wahnsinn kaum zu überbieten. Es verging keine Woche, in der ich als Student nicht am Sinn des Erlebten zweifelte. Mit Soziologie und Buchwissenschaft suchte ich mir auch noch zwei Geisteswissenschaften aus, die sicherlich ein ganz anderes Studium präsentierten als das der Kollegen aus der Informatik, Medizin oder BWL. Aus Gesprächen mit Betroffenen weiß ich, dass dort eine differierende Art von Wahnsinn durchlebt wird.

Ich hatte mal geplant, mich in einem einjährigen Blog mit 52 Artikeln über das Studium auszulassen. Vielleicht kommt es auch noch dazu, aber an dieser Stelle muss ein Beitrag reichen, um meine ersten Gedanken aufzufangen.

Dank der Soziologie fühle ich mich in einigen Themenfeldern geistig erleuchtet, während ich andere mit einem Kopfschütteln quittiere. Die Art und Weise, wie Menschen zusammenleben und wie sie miteinander interagieren, ist kein fester Zustand, der irgendwann vom Himmel gefallen ist, sondern folgt (relativ) klaren Regeln, die man entdecken kann, wenn man sich ein paar Schritte von der Oberfläche entfernt. Wird man sich im nächsten Schritt bewusst, dass beinah all diese Regeln von Menschen gemacht und damit auch von Menschen wieder veränderbar sind, dann kommt man aus dem Staunen und den Gedankenexperimenten nicht mehr raus. Gleichzeitig beackert die Soziologie aber noch so viele andere Felder, von der besonders die Theorie gerne in Sphären vordringt, in die ich ihnen mal nicht folgen konnte und mal nicht folgen wollte.

Im Fall der Buchwissenschaft habe ich schnell gelernt, dass die Verlagswelt eine knochige ist und habe mich dem Studienbereich eher als Hobby und weniger als möglichem Arbeitsplatz angenähert. Dabei gibt sich die Buchwissenschaft in Erlangen Mühe den aktuellen Entwicklungen in Sachen Digitalisierung gerecht zu werden, was ich sehr geschätzt habe. Auch die Einführungen in die Typographie haben mein Augen auf angenehme Weise für die Optik und Lesbarkeit eines Textes geschult, die ich nicht missen möchte. Dies gilt nicht unbedingt für das Entziffern von altertümlichen Schriftrollen oder die detaillierte Geschichte des Verlagswesens, aber im großen Kanon der buchwissenschaftlichen Forschungsfelder haben auch sie ihren berechtigten Platz.

Das Chaos des Unilebens entfaltete sich schließlich wenig über die Lehrinhalte, sondern fand seinen Höhepunkt im Zusammenspiel aus verwirrten über- oder demotivierten Studenten, lustlosen bis egozentrischen Dozenten und einer zwischen hilfsbereit und verweigernd schwankenden Universitätsverwaltung.

Ich erlebte Seminare, in denen nur der Dozent redete, manche, in denen nur die Studenten arbeiteten und andere, in denen niemand etwas sagte und man sich minutenlang schweigend gegenüber saß. Ich lauschte Referaten, die kein Ende nahmen, keinen Inhalt vermittelten und durch animierte Powerpointfolien mit schwarzer Schrift auf grauem Hintergrund untermalt wurden. Ich ließ mich von Dozenten darüber belehren, dass es mit einem späteren Berufseinstieg sowieso total schlecht aussähe, obwohl sie mir nur etwas über Statistik oder Drucktechnik mitteilen sollten. Ich nahm an Demonstrationen teil, die nur von 500 Studenten unterstützt wurden, während sich die restlichen 20.000 büffelnd versteckten und alles so blieb wie es war. Ich trug Formulare vom Sekretariat zum Prüfungsamt und wieder zurück. Ich trug Kopien meines Abiturzeugnis in den zweiten Stock, während schon seit Jahren das selbe Exemplar im ersten Stock abgeheftet war. Ich stellte mir mal den Wecker auf 8 Uhr morgens, mal auf 24 Uhr nachts, um mich rechtzeitig online für die neuen Kurse einzuschreiben. Ich saß in überfüllten Räumen, weil die Dozenten zu faul waren auf größere, aber auch weiter entfernt liegende Räume auszuweichen.

Ich könnte diese Liste an Absurditäten noch ewig weiterführen und ich glaube auch nicht, dass ich damit in Deutschland alleine bin. Jeder Student wird eine Handvoll solcher Geschichten zu erzählen haben. Bildung ist in diesem Land zwar auf dem Papier ein unglaublich wichtiges Gut, aber im realen Leben muss man sich an vielen Stellen fragen, ob das vorhandene System leisten kann, was sich die Gesellschaft und in ihr die einzelnen beteiligten Glieder davon erwarten. Brauchen wir Bundesländer, die auf ihre Bildungshoheit pochen und dann den Universitäten die Finanzen streichen? Brauchen wir Forscher, die nicht Lehren wollen und können und damit neue verkümmerte Forscher produzieren? Brauchen wir Unis, die zwanghaft versuchen Erstsemester anzulocken, nur um Gelder zu erhalten, die zum Stopfen von schon vorhandenen Finanzlöchern genutzt werden? Brauchen wir motivierte Dozenten, die mit Zeitverträgen an der kurzen Leine gehalten werden und Klausuren mit Multiple-Choice-Fragebögen erstellen müssen, weil sie ansonsten die Massen an Studenten nicht abfertigen können? Und schließlich: brauchen wir Studenten, die nur studieren, weil in ihnen das diffuse Gefühl vorherrscht, ohne einen Studienabschluss nichts im Leben erreichen zu können und sich damit durch Studiengänge quälen, die sie nicht interessieren?

Nachdem ich den Umschlag aus dem Briefkasten genommen hatte und zurück in der Wohnung am Küchentisch saß — mit dem physischen Zeugnis in den Händen — da war ich ein wenig stolz. Nicht, weil ich etwas unglaublich besonderes geleistet hatte, denn lasst euch das gesagt sein, meine lieben schnöseligen Kollegen: Ein Studienabschluss macht aus euch keinen besseren Menschen. Nicht einmal annähernd. Nein, ich war stolz, den Beweis in den Händen zu halten, dass ich die letzten drei Jahre in diesem nebligen Dschungel aus manchmal unzusammenhängenden Ereignissen nicht die Orientierung verloren hatte und nun den eingeschlagenen Weg sicherer und mit etwas beinah handfestem im Rücken fortsetzen zu können.

Ich war nun ein Bachelor of Arts und das Leben ging einfach weiter.

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