documenta 13 – Eine Kunstausstellung in Kassel

Mir fiel gerade auf, dass es schon fast einen Monat her ist, seit ich in meiner Heimatstadt die größte Ausstellung der Welt für zeitgenössische Kunst besuchte. Dann fiel mir auf, dass ich dazu gar nichts geschrieben habe. Das geht so nicht, war mein nächster Gedanke und jetzt sitzen wir hier. Ihr lest und schaut, während ich versuche, mich an einige Dinge zu erinnern und dazu Fotos präsentiere.

Ich war also auf der documenta 13, oder auch dOCUMENTA (13), wie der offizielle Schriftzug diesmal lautet. Alle fünf Jahre versammeln sich viele Künstler in Kassel und stellen für 100 Tage ihre kruden Gedanken aus. Die Künstler sind aber eigentlich gar nicht so wichtig, viel wichtiger sind die Kuratoren, die Masterminds, die klugen Köpfe hinter den Kulissen, die sich die ausstellenden Künstler aussuchen. Weil die meisten Kuratoren tief in sich drin auch Künstler sind, versuchen sie ihre persönliche Handschrift in den Auswahlprozess einfließen zu lassen und bestimmen auch wo ungefähr ein Bild zu hängen und eine Skulptur zu stehen hat. Dieses Mal war es die unscheinbare und zurückgezogene Carolyn Christov-Bakargiev. Was sich diese Frau mit den wuscheligen Haaren so ausgesucht hat, werde ich nun beispielhaft vortragen:

Unser Rundgang startete an einem regnerischen Morgen im Kulturbahnhof, der auch Hauptbahnhof heißt, aber gar nicht mehr der wichtigste Bahnhof Kassels ist, weil die ICEs alle am neuen Bahnhof Wilhelmshöhe halten, was bei Auswärtigen häufig für Verwirrung sorgt, aber die Änderung wäre angeblich zu teuer, weil in ganz Deutschland dann alle Bahnhofsanzeigen geändert werden müssten, aber ich schweife ab. Wir kamen also ein wenig nass im Kulturbahnhof aka Hauptbahnhof an und erwarben unsere ermäßigten Eintrittskarten für 14€. Vorbei an einigen grölenden Schulklassen, die von ihren schrulligen Kunstlehrern zu einem Besuch der documenta gezwungen wurden, ging es dann in die Ausstellungsräume in einer alten Bahnhofshalle. Dort gab es einen großen Erdhügel mit Loch drin zu sehen. Einen Raum weiter stand eine ganze Nähfabrik aus Holz und durch die nächste Tür ging es zu einer Menge von automatisch gesteuerten elektrischen Jalousien. Nett. Erstes Highlight war dann allerdings eine Videoinstellation eines süd-afrikanischen Künstlers, bei der eine Musikgruppe als Schatten über die Wände tanzten und einen Sound erschallen ließen, bei dem der gute alte Tom Waits grölend in die Hände klatschen würde. Außerhalb der Halle dann Highlight Nr. 2, ein hübsch zusammengeworfener Schrottplatz mit Steinblöcken dazwischen. Diese Blöcke wurden als Ersatz für dort vorher lagernden Schrott aufgestellt, der nun andernorts herumliegt. Ach, Kunst. Hier die ersten Bilder:

Im Nieselregen ging es dann über die erste Fußgängerzone Deutschlands in die Innenstadt und hinein ins Gehirn der documenta, das Fridericianum. (Eigentlich wird nur ein spezieller Bereich im Inneren des Gebäudes THE BRAIN genannt, aber man muss ja nicht jeden Unsinn exakt mitmachen.) Das Fridericianum ist ein großes Ausstellungsgebäude, in dem das ganze Jahr über feinste Kunst gezeigt wird. Viele Etagen weißer Räume stapeln sich dort aufeinander und die meisten Exponate waren eher so egal. Zum Beispiel ein Brief von einem Künstler, der sich bei der Kuratorin entschuldigt, weil er nicht mitmachen kann und kein eigenes Werk für die documenta erstellen wird. (Hui, voll Meta.) Für uns machte sich auch die Idee, einen leichten Luftzug durch die unterste Etage und den Eingangsbereich wehen zu lassen, unangenehm bemerkbar, weil wir dank Regen ja etwas angefeuchtet waren. Auch hier ein paar Bilder. Moment … erwähnenswert sind noch Fotos einer Amerikanerin, die sich in der Münchner Wohnung von Adolf Hitler in seiner Badewanne hat fotografieren lassen. Dieser Abschnitt war übrigens auch der einzige Ort auf der gesamten documenta, an dem nicht fotografiert werden durfte. Im Katalog sind allerdings einige der Fotos abgebildet. Jetzt aber Bilder:

Danach war Mittagspause und anschließend ging es in die documenta Halle, ein weiterer Ausstellungsort nur ein paar Meter entfernt. Persönliches Highlight war hier ein Raum vollgestopft mit Bildern, von denen jeden Tag eines einfarbig übermalt wird. Ein sich wandelndes Kunstwerk. Faszinierend. Ansonsten gab es noch ein großes Flugzeugbild aus vielen kleinen Flugzeugbildern, Maschinen, die Musik gemacht haben und eine weitere gute Videoinstallation mit einem halben Dutzend Projektoren, deren Bilder auf vier sich drehenden und bemalten Zylindern gebrochen wurden. Fotos:

Lustig an der documenta ist für Einheimische der Umgang der auswärtigen Besucher mit Kunstwerken, die noch von früheren Ausstellungen im Stadtbild zurückgeblieben sind. Direkt neben der documenta Halle befindet sich zum Beispiel eine Steg und zwei riesige Bilderrahmen. Steht man an der richtigen Position, dann rahmt die Konstruktion einen besonders schönen Ausschnitt der dahinter liegenden Landschaft und der Orangerie ein. Das Ding steht da seit 1977 und zu jeder documenta denken Leute, dass es zur aktuellen Ausstellung gehört.

Next stop: Neue Galerie. Nach dem Regen kam jetzt doch noch die Sonne zum Vorschein und wir liefen schwitzend zum nächsten Museum. Dort gab es ein filigranes Papierkunstwerk aus gefühlten drei Millionen Zeitungsschnipseln zu sehen, welches sich durch das halbe Gebäude erstreckte. Auch schön: ein Raum, dessen Wände mit Songtexten von Anti-Kriegs-Liedern beschrieben war, die man zusätzlich über eine aufgestellte Jukebox hören konnte. Crossmedia, versteht ihr? Im Keller wurden noch einige Videoinstellationen gezeigt. Leider kann ich mit Videokunst nicht viel anfangen, weil die Filme meistens ewig dauern und visuell komplett uninteressant gestaltet sind. Ich will den Filmen nicht ihre Aussagen absprechen, aber die meisten würde den selben Effekt erzielen, wenn ich sie mir entspannt zu Hause auf Youtube anschauen könnte. Dafür braucht es kein abgedunkelten Räume und dicke HD-Beamer. Viele würden davon sogar profitieren, weil man sie in Ruhe und für sich betrachten könnte und nicht gleichzeitig neben einer schnaufenden Oma steht, die sich lautstark über den Sinn des ganzen beklagt. Und Fotos:

Von der Neuen Galerie ging es den Weinberg hinunter und hinein in eine Bunkeranlage. Normalerweise kommt man in diesen 2. Weltkriegsbunker nur zu sehr bestimmten Zeiten rein, weswegen unser Interesse auch mehr der Erkundung der dunklen Gänge galt als den ausgestellten Kunstwerken. Um die Bunkereingänge zu erreichen wurde extra eine komplette Spur der angrenzenden Straße gesperrt, was bei den Kasselern für wenige Begeisterung sorgte, weil es sich um eine wichtige Verkehrsader handelt. Aber für die Kunst muss auch mal gelitten werden. Wir litten auch ein wenig, als wir die verpflichtenden weißen Schutzhelme aufzogen, die uns vor einem möglichen Steinschlag schützen sollten. Der Bunker selbst war dann relativ unspektakulär, aber zumindest war es schön kühl. Bild:

Tag 1 endete dann aber doch noch mit einigen tollen Kunstwerken. Über mehrere Terrassen ging es den Weinberg wieder hinauf und dabei vorbei an allerlei grau-weißen Skulpturen. Ich erspare mir die Erklärungen und zeige Bilder. Nicht zu verachten ist auch der Blick über die Stadt und den angrenzenden Karlsaue, unserem Ziel für die nächsten Tage.

Mit einer Tageskarte kann man relativ entspannt die vier wichtigsten Ausstellungsgebäude (Hauptbahnhof, Fridericianum, documenta Halle, Neue Galerie) abklappern. Das emotionale Herzstück der d13 liegt aber in der Karlsaue, einer riesigen Parkanlage, die sich ein Größenwahnsinniger Landgraf hat pflanzen lassen. Im gesamten Park verstreut stehen Kunstwerke, von denen sich die schönsten auch ohne jede Eintrittskarte betrachten und erleben lassen. Dort gibt es Geisterfiguren, einen Hundespielplatz, ovale Uhren, Boote, die in Bäumen hängen, Kriegsgeschrei im Wald, eine Steinfigur voller lebender Bienen, fünf Galgen, die zu einem Galgen übereinander geschichtet wurden, einen bewachsenen Müllberg, eine künstliche Wellenanlage und noch viele viele anderen schöne Dinge. Wem bei einer Wanderung durchs Grüne und der Betrachtung all dieser tollen Merkwürdigkeiten keinen Spaß hat, der hat auch kein Herz und keine Seele. Bilder, Bilder, Bilder!

Da es noch einige kleine Ausstellungsorte, wie etwa das Naturkundemuseum oder das Astronomisch-Physikalisches Kabinett gibt, in denen einzelne Kunstwerke versteckt wurden, kaufte ich mir ein paar Tage später noch eine Abendkarte und klapperte einige davon ab. Das ist auch empfehlenswert, wenn man einfach mal die normalen Ausstellungen dort sehen möchte, da der Eintritt auch dafür gilt. Visuell interessant waren dabei zwei Videoinstellationen. Die eine projizierte Filmaufnahmen auf ein aufgeschlagenes Buch. Auf der linken Seite stand der Text einer Geschichte und auf die leere rechte Seite wurde der Film geworfen. Man konnte dann selber umblättern und lesen, während der Film rechts auf den immer leeren Seiten automatisch weiterlief. Der Inhalt war politisch und zog einen runter, aber zumindest eine coole Idee. Aus rein handwerklicher Sicht war dann auch eine Dreifach-Leinwand in einem Nebenraum der Orangerie ein audio-visuelles Erlebnis. HD-Material wurde auf einer Wand in drei Bildern nebeneinander gezeigt und mit reiner Akustikmusik untermalt. Illustriert wurde der Aufbau eines Atomkraftwerks und das Leben in der angrenzenden Stadt. Optisch erinnerte mich der Stil dabei stark an Terrence Malick.

Nach 2,5 Tagen documenta hatte ich noch immer nicht alles gesehen, was es zu sehen gab, aber fast alles, was ich sehen wollte. Am Ende erwarb ich noch ein Poster und den Katalog, um das Erlebte noch einmal nachbearbeiten zu können die Fotos darin anzuschauen. Viele Besucher liefen mit dem dicken grünen Buch in der Hand durch Kassel und versuchten damit ihr Verständnis der Kunstwerke zu verstärken. Da mein Verhältnis zu Kunst ein weniger verkopftes ist, als das der Kunstmacher selbst, bin ich ohne Vorbereitung herumgeschlendert und habe die Werke einfach so und ungefiltert auf mich wirken lassen. Das ein oder andere Info-Schild habe ich vor Ort gelesen, der Rest passierte dann in meinem eigenen Kopf. Das empfehle ich auch jedem Besucher. Ich habe so viele Menschen gesehen, die laut rätselnd vor Bildern standen und unter Zwang einen endgültigen und für alle lesbaren Sinn erkennen wollten, aber darum geht es (mir) nicht. Kunst muss für mich zunächst auf audiovisueller Ebene ein Interesse auslösen und kann danach in meinen Geist eindringen. Dazu muss ich es nicht optisch „schön“ finden, aber es muss einen gewissen Reiz ausströmen. Ist der nicht vorhanden, dann nicke ich oder zucke die Achseln und gehe weiter. Das mag an der ein oder anderen Stelle borniert sein, aber man muss sich auch nicht zwanghaft mit jedem Werk auseinandersetzen, dass einen nicht anspricht. Auf der anderen Seite bin ich über jeden Menschen froh, der sich in ein Museum bewegt und die Auseinandersetzung mit der Kunst sucht. Ich war froh Eltern mit ihren Kindern und Omas mit ihren Männern und Schüler mit ihren Lehrern zu sehen. Auch wenn es dumme Kommentare und viele verwirrte Blicke gab, wurden die Synapsen im Gehirn mal auf eine Art und Weise angestupst, wie man es im Alltag nicht erleben kann.

Kassel hat sich wieder als tolle documenta-Stadt präsentiert und viele seiner guten Seiten gezeigt. Die Kasseler selbst sind sich der Stärke der Stadt zu wenig bewusst und haben zu Lange das Image einer traurigen, langweiligen und hässlichen Stadt ertragen, an der man mal mit dem ICE oder dem Auto vorbeifährt. Auch mir war dies in meiner gesamten Jugend nicht bewusst, weil ich es eben immer so kannte, aber nachdem ich zum Studieren weggezogen bin, wurde mir schnell klar, dass sich Kassel vor keiner mittleren Großstadt in Deutschland verstecken braucht. Das Kassel eine dynamische Stadt mit hoher Lebensqualität ist, wurde im letzten Jahr auch wissenschaftlich bewiesen. Bis das in allen Köpfen angekommen ist, wird es aber wohl noch ein bisschen dauern.

Die gesamte Ausstellung läuft noch bis zum 16. September. Mehr Infos auf der offiziellen Seite.

Vielleicht mache ich mir noch die Mühe, sortiere die 200 Bilder von diesem Jahr und stelle sie auch online. Mal schauen. Ansonsten könnt ihr auch einfach so bei flickr nach documenta 13 suchen und fast alle Werke sehen.

Meine Fotos von der letzten documenta gibt es bei flickr.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s