Sopranos (komplette Serie) gesehen

Ich bin bekennender Fan von Gangster-Geschichten und dabei ganz besonders von solchen, die im Milieu der Mafia spielen. Wenn ich nach meinen Lieblingsfilmen gefragt werde, so nenne ich als erstes Goodfellas. Warum also ausgerechnet ich so lange so wenig Kontakt mit der wichtigsten Mafia-TV-Familie aller Zeiten hatte ist ein Rätsel, dessen Lösung mit zwei Worten zusammenzufassen ist: das eine lautet ZDF und das andere GELD. Die Ausstrahlung im deutschen Fernsehen verlief bekanntermaßen eher suboptimal, weswegen der interessierte Zuschauer auf die DVD-Boxen umsteigen musste, welche wiederum eine nicht zu verachtende Summe an Euros kosteten. Doch schon fünf Jahre nach dem Ende der Serie gibt es die sechs Staffeln umfassende Komplettbox für schlappe 60€. Doch auch das konnte mich nicht zum Kauf überwinden. Ein netter Mensch schenkte mir sie schließlich zu Weihnachten, um diesem verdammten Trauerspiel endlich ein Ende zu setzen.

(Die Geschichte über den Einzelkauf der ersten Staffel habe ich aus dramaturgischen Gründen unter den Tisch fallen lassen.)

An einem verregneten Abend im späten Februar des Jahres 2012 schaute ich also die erste Folge der Sopranos. Vorgestern, am 19. Juni, knapp vier Monate später sah ich die 86. und letzte Folge. Das macht im Schnitt 0,72 Folgen am Tag. Heute dachte ich, guckst du mal, was bei den Sopranos so geht und schaust noch eine Folge. Dann wurde mir bewusst, dass es keine ungesehenen Folgen mehr für mich gibt. Ein trauriger Moment.

Die Sopranos sind der Anfangspunkt einer Entwicklung im amerikanischen Fernsehen, die es Serien erlaubt, nicht jede Woche eine in sich abgeschlossene Geschichte zu erzählen. Die 86 Folgen der Sopranos sind keine 86 knapp einstündige Kurzgeschichten mit wiederkehrenden Figuren, sondern eine kontinuierliche Familiensaga.

Dem Erfinder der Sopranos, David Chase, wird nachgesagt, dass er eine Anti-TV-TV-Serie machen wollte. Es gibt keine klar definierten Spannungsbögen, Figuren sterben nicht, wenn man es erwartet und verschwinden doch plötzlich, wenn man am wenigsten damit rechnet. Staffeln und schließlich gar die ganze Serie enden mit Antiklimaxen. Das ist auf der einen Seite toll, weil es in beinah jeder Staffel eine Folge gibt, die mir direkt ins Gesicht schlug und mit meinen Erwartungen Tango tanzte. Gleichzeitig mäandert vieles aber auch in einem zähen nebulösen Fluss dahin, der wohl auch für die Macher nicht immer ganz klar zu durchschauen war. Vieles davon ist sicherlich auch logistischen Problemen zu verdanken, so starb eine wichtige Schauspielerin während den Dreharbeiten, aber manchmal sind die Gründe für das Verhalten der Charaktere nicht mit solchen Argumenten zu erklären.

Interessanterweise gibt es nur drei Figuren in der ganzen Serie, die mir sympathisch waren. Zu erst natürlich Tony Soprano selbst. Er ist es auch, der am meisten mit den Gefühlen der Zuschauer spielt. Eigentlich ein netter Kerl, schlittert er doch immer wieder in Abgründe, in die ich ihm nur ungern gefolgt bin. Dann seine Tochter Meadow. Ging sie mir zunächst als pubertierende Göre auf die Nerven, wandelte sie sich mit jeder Folge zum einzigen Mitglied der Familie, dass noch halbwegs auf der hellen Seite der Macht steht. Alle anderen werden sicherlich in die Hölle kommen. Die anderen Mafiosi so oder so und auch für Frau und Sohn Soprano sehe ich schwarz. Die einzige Person, die beinah unbeschadet aus der ganzen Serie hinausgeht, ist Tonys Psychiaterin Melfi. Sie bekommt sogar in der letzten Staffel noch die Kurve und kann sich aus der Umlaufbahn ihres soziopathischen Patienten entfernen.

Mein größter Kritikpunkt gilt dementsprechend den vielen Nebengeschichten mit Figuren, die mir einfach egal waren. Tonys Onkel ist irgendwann nur noch für ein paar gelegentliche Lacher gut, seine Schwester ist von Anfang bis Ende ein einziges Ärgernis und auch Christopher, Sil und Paulie haben keine eigenen Geschichten, die eine eigene interessante Dynamik entwickeln. So toll und vielschichtig Tony Soprano ist, so langweilig und nervtötend sind die meisten seiner Anhänger.

Die gesamte Serie macht es einem nicht immer leicht, sie zu mögen, bietet aber in jeder Staffel überragende Folgen und zeichnet insgesamt ein faszinierendes Gesellschaftsbild der USA um die Jahrtausendwende. Denn darum geht es bei den Sopranos eigentlich. Es werden tiefergehende Fragen gestellt, die weit über das wöchentliche Einsammeln von Schutzgeld hinausgehen und die Antworten sind meist unangenehmer als es uns Zuschauern lieb sein dürfte.

Wer sich außerdem dem Originalton hingibt, lernt auch noch einige englische Vokabeln, die sich sicherlich im Alltag einsetzen lassen.

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