Gewalt in Filmen ertragen

Quälen oder nicht quälen.

Erst wollte ich diese Woche nur ein paar Links zu Youtube-Videos mit elektrischer Krachmusik posten, aber dann dachte ich: „Ne, das ist doch Kinderkacke mit Honig, reden wir mal über Gewalt in Filmen.“ In unseren Lichtspielhäusern gibt es zirka zwei Arten von Gewalt. Die eine ist die übertriebene Horror-Splatter-Gewalt mit Tonnen von rotem Tomatensaft und die andere ist die realistische Brutal-Schmutzige-Gewalt mit brechenden Knochen. Der Ersten kann ich wenig abgewinnen, sie ist mir schlicht egal, weil die Filme Gewalt hier nur als Showeffekt anwenden. Bei der Zweiten allerdings stecke ich in einem seelischen Dilemma.

Wovon spreche ich überhaupt? Meine Lieblingsbeispiele in diesem Zusammenhang sind die Rachefilme des Südkoreaners Park Chan-wook. Sympathy for Mr. Vengeance, Oldboy und Lady Vengeance enthalten alle drastische Gewaltszenen, bei denen die Kamera nicht wegschwenkt und nichts verharmlost. Gewalt wird nicht als lustiges Beiwerk präsentiert, sondern ist Hauptbestandteil der Geschichte. Die Motivationen hinter den heftigen Taten wird ergründet und die Ergebnisse unverhüllt präsentiert. In anderen Filmen kann abstruse Gewalt die Anspannung lösen. Bei den südkoreanischen Rachegeschichten sorgt sie dagegen im Zuschauer für eigene körperliche Schmerzen. Zumindest ging es mir so.

Jetzt könnte ich sagen: „Den Scheiß gucke ich mir nicht mehr an. Das macht doch keinen Spaß.“

  1. Gewalt soll auch keinen Spaß machen.
  2. Machen die Südkoreaner handwerklich herausragende Filme, die für den Cineasten ein audiovisuelles Fest sind.

Ich will die tollen Bilder sehen, die packenden Geschichten erleben, aber wenn mich die Filme zwingen, mitten in die dunklen menschlichen Abgründe zu blicken, dann möchte ich gerne weglaufen.

Womit wir beim Auslöser dieses Beitrags angekommen sind. Am Wochenende hätte ich die Möglichkeit, mir den neusten südkoreanischen Rachefilm I SAW THE DEVIL auf den FFF Nights anzuschauen. Nächsten Monat erscheinen zwei Kaufversionen auf DVD/BluRay, bei der selbst die frei verkäufliche 18er Version noch geschnitten sein wird. Will ich mir dann die ungeschnittene Fassung im großen Kinosaal anschauen? Will ich 8,50€ dafür zahlen, mich der Kunst wegen zu quälen?

Vor dem gleichen Zwiespalt stand ich auch schon letzten August, als der Film Mother in die deutschen Kinos kam:

Ich bin kein besonderer Experte für das südkoreanische Kino, aber als ich gestern in der taz die Berichterstattung zum gefeierten Film Mother aus eben diesem Land las, kamen mir einige Gedanken in den Kopf. Mother von Regisseur Bong Joon-ho wird als genresprengendes Gesamtkunstwerk beschrieben, das auch vor unangenehmen Szenen keinen Halt macht: Inzest, Blut, das Überschreiten von moralischen Grenzen. Brutalität, Alkoholkonsum, Rausch und Gewalt. Es soll tief in den vielen Wunden der Gesellschaft gebohrt werden. Ich kenne den Film nicht, aber vieles liest sich vergleichbar mit den Filmen des ebenfalls aus Südkorea stammenden Park Chan-wook. Dieser hat mich mit seiner Rache-Trilogie und dem Vampirfilm Thirst schon häufiger durchgerüttelt. Auch bei ihm werden von einer Szene zur anderen Genres gewechselt, Gewalt ungeschönt gezeigt und widerliche Wahrheiten offen gelegt. Vor ein paar Jahren wäre ich der erste an der Kinokasse gewesen, um einen Film wie Mother zu sehen. Einen Film, der anders ist, der unbequem ist, und Dinge zeigt, vor denen sonst zurückgeschreckt wird.

Heute lese ich die Artikel zum Film und wende mich ab. Ich möchte mich nicht mehr so gerne 120 Minuten im Kinosessel winden und all diese unbequemen Szenen ertragen, nur, um am Ende sagen zu können: „Ich bin ein echter Cineast. Ich hab mir den guten Stoff angeschaut.“ Nichts gegen all die Menschen, die daran noch immer „Spaß“ haben und das asiatische Kino als innovative Keimzelle der Filmwelt betrachten. Die Jungs und Mädels aus Fernost trauen sich wirklich mehr und packen Geschichten an, vor denen viele westliche Filmmacher eher zurückschrecken. Das bewundere ich noch immer irgendwie, aber ich kann es mir nicht mehr anschauen. Selbes gilt aber auch für die paar europäischen Filme mit brisanten Inhalten. Ich beklatsche die Existenz eines Antichrist, aber ich will ihn selber nicht sehen.

Ich bin alt und weich geworden.

Mother habe ich bis heute nicht gesehen und im Fall von I SAW THE DEVIL werde ich noch ein paar Tage mit mir hadern.

Update [03.12.2011]: Ich habe I SAW THE DEVIL schließlich auf DVD gesehen und bin froh nicht im Kino gewesen zu sein. Optisch wuchtig, aber für meinen Geschmack dann doch etwas zu rot.

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3 Gedanken zu “Gewalt in Filmen ertragen

  1. Ja, das verdammte Alter. Früher hab ich über billige Schockeffekte gelacht, heute zucke ich zusammen und drehe schonmal den Ton leiser; früher hätte ich bei sowas gegähnt, heute hab ich bei Biutiful feuchte Augen =).

    Sympathy for Mr. Vengeance ist übrigens einer der eindrucksvollsten Filme, die ich je sah. Damals auf dem FFF kam ich tierisch fertig aus dem Kino. Bemerkenswerterweise ist die Rache-Trilogie von der gezeigten (körperlichen) Gewalt aber ja nicht der härteste Kram im (Asien-)“Mainstream“. Mit dem immer noch brillianten Oldboy hatte sich der Regisseur dann schon mehr der westlichen Erwartung angenähert; Lady Vengeance kenne ich nur teilweise. Okay, zurück zum Thema:

    Filme kategorisch nicht zu schauen, die keinen Spaß machen, muss sich ja nicht auf Gewalt beschränken, da kann man eigentlich jedes Genre einrechnen, eben auch Dramen/Tragödien (?) wie erwähnten Biutiful. Die Erfahrung eines wie auch immer berührenden Films finde ich gut, interessant, ja wichtig – ein gewisses Vorwissen beim Zuschauer vorausgesetzt. Das heißt aber nun nicht, dass ich jeden grenzgängerischen Film sehen muss (A Serbian Film…)!

    Interessant: In der aktuellen Splatting Image ist eine Rezi zu I saw the Devil drin, in der es in weiten Teilen um die Einordnung ins Rache-/Schockgenre geht.

    PS: Ich werde aller Voraussicht bei den FFF Nights 13 Assassins schauen und noch Troll Hunter, wenn’s zeitlich hinhaut.

  2. Ich hab den Film übrigens nicht geschaut. Ich bin so schwach.

    Ja, auch einige Dramen können einem an die Nieren gehen, aber das trifft bei mir ein anderes Schockzentrum als realistische Gewalt. Damit kann ich etwas besser umgehen und es würde mich nicht vom Kinobesuch abhalten. Bei Dramen ist es mehr eine Kopfsache.

  3. Im Großen und Ganzen kann ich mich dem Zitat im Beitrag anschließen. Filme, in denen markante Themen behandelt werden sehe ich zwar immer noch gern, nur darf die visuelle Umsetzung von Gewalt und Schmerz nicht zu weit gehen. Ich nehme da ganz gerne das Beispiel von „Der freie Wille“ mit Jürgen Vogel oder „Irreversible“, die bei mir tatsächlich und ohne Übertreibung starken Brechreiz hervorgerufen haben. Beide Filme habe ich damals wegen der gleichen Motivation gesehen, als Filmliebhaberin mit dem Drang, mitreden zu können und um zu erfahren, ob diese Filme von ihre Qualität tatsächlich so gut waren wie angepriesen. Sind sie denn gut gewesen? Ja. Haben sie meine Sicht auf die Dinge verändert? Nein. In diesen beiden Fällen stand die Quälerei mehr Vordergrund und das groteske ist, dass ich das auch vorher wusste. Störend empfinde ich vor allem die Vorstellung, dass es einige Menschen gibt, die die extremen Szenen evtl. ansprechend finden könnten, was ja total gegen die Absichten des jeweiligen Regisseurs geht (das will ich jedenfalls hoffen). Warum müssen Vergewaltigungen so explizit gezeigt werden? Wirkt sie deshalb tatsächlich schockierender oder gewaltiger? Nein, ich sehe da keinen wirklichen Sinn, außer filmische Provokation und um zu polarisieren. Ich denke, manche Dinge sind einfach so schlimm, dass man sie nicht „einfach mal so“ nachspielen sollte, vor allem nicht in der Intensität.

    „Mother“ habe ich übrigens schon gesehen, strange aber ich denke noch lange nicht so schlimm wie „Antichrist“. Der liegt hier schon ewig rum und an den traue ich mich einfach nicht ran. Bin auch schon zu alt und verweichlicht sowieso. :)

    PS: „Biutiful“ ist übrigens sehr sehenswert. Dort herrscht auch Gewalt, nur kommt die aus einer ganz anderen Richtung.

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