Joe Hills „Blind“ lesen

Sohn wie Vater.

Probieren wir heute mal etwas anderes. Vor zwei Wochen beendete ich die Lektüre des Romans Blind von Joe Hill. 14 Tage lang schwebte der Gedanke in der Luft, endlich ein paar Zeilen über die Geschichte zu digitalem Papier zu bringen, ohne das ich wirklich zur Tat schritt. Das wird sich nun ändern. Die Literatur möchte den Menschen schließlich etwas mit auf den Weg geben, sie aufrütteln und ihre Hirnwindungen anstacheln. Vieles will auch nur unterhalten oder einem das Geld aus der Tasche ziehen, aber allein zu dieser Kategorie möchte Joe Hill nicht gezählt werden. Zumindest sieht er genre fiction nicht als kleinen ekligen Bruder der heiligen Literatur.

Eine großartige Horrorgeschichte, die sowohl gruselig als auch geistig anregend ist, sollte mir nach zwei Wochen demnach gut im Gedächtnis geblieben sein. Wenn nicht, taugt der Roman nichts oder ich kann mir superschlecht Informationen merken.

Hauptcharakter von Blind ist ein gealterter Rockstar mit Vorliebe für morbiden und okkulten Krimskrams. An seinen Namen kann ich mich nicht mehr erinnern. Als im Internet der Anzug eines Toten versteigert wird, der angeblich mit dem Geist des verstorbenen Besitzers verbunden sei, kauft er das gute Stück, ohne mit der Wimper zu zucken. Kaum geliefert, entpuppt sich der Geist als echter Geist und beginnt mit seinem Geisterspuk. Bald ist der erste Tote zu beklagen, woraufhin Rockerheld mit seiner Rockerfreundin, die er natürlich in einem Strip-Club kennengelernt hat, auf Reisen geht. Er will die Verkäuferin des Anzugs aufsuchen und ihr ordentlich die Meinung sagen. Ne, ernsthaft, er weiß nicht, was er der Vorbesitzerin sagen will, weswegen ihr Zusammentreffen auch im großen Chaos endet.

Autor Joe Hill ist ein Sohn von Stephen King, was man ungefähr auf jeder zweiten Seite merkt. Die Ähnlichkeiten im Stil und der Themenwahl sind auffällig. Hill ist allerdings die junge und wilde Variante des nun schon 63-jährigen Horrorveterans. Also gibt es hier und da Anspielungen an moderne Popkultur und jede Gewaltszene muss noch einen Tick abgedrehter und unkontrollierter ablaufen als beim Vater.

Thematisch ackern sich die Kings jedoch an den gleichen Eckdaten ab: brüchige Familienverhältnisse, fundamentales Christentum und Misshandlungen jeglicher Art. Beide arbeiten außerdem ganz gerne mit Traumsequenzen und metaphorischen Trugbildern. Sohn Joe versteht es aber besser, den Leser durch geschickte Cliffhanger und trickreiche Kapitelübergänge zu täuschen und arbeitet innovativ mit der schriftlichen Form der Erzählung. Lob dafür.

Davon abgesehen ist bei mir nicht viel positives hängen geblieben. Der Spannungsbogen ist merkwürdig und konnte mich nie zum atemlosen Umblättern animieren. Außer dem Rockerhelden wirken alle Figuren sehr unterentwickelt und bekommen wenig nachvollziehbare Motivation für ihr Handeln angedichtet. Warum seine Stripperfreundin, die natürlich auch eine gute Messerwerferin ist, ihm bis zum Ende hilft und warum er sie mochte, ist mir nie klar geworden. Erst im Epilog bekommt sie ein wenig mehr Konturen, aber da ist die Story auch schon vorbei. Vorher war sie mir 300 Seiten lang egal.

Am Ende bleiben zwei WTF?!-Momente, an die ich mich genau erinnere und die als gute Schockszenen funktioniert haben. Ansonsten ist Blind einfach nur ein durchschnittlicher Horrorroman, der sich gut lesen lässt, aber schon nach wenigen Tagen im Schleier des Vergessens verschwindet.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s