Haruki Murakamis „1Q84“ lesen und ein Exkurs in Typografie

1022 Seiten, auf denen fast nichts passiert.

So in etwa sähe eine Kurzzusammenfassung von Haruki Murakamis angeblichem Opus Magnum aus. Der neuste Roman des Japaners verkaufte sich in seiner Heimat wie gut gerolltes Sushi und war zeitweise sogar ausverkauft. Die Geschichte besteht aus drei Teilen, von denen die ersten beiden für die deutsche Erstausgabe in einem Band zusammengefasst wurden. Der letzte Teil erscheint im hiesigen Markt erst Ende 2011, was mich nicht besonders glücklich macht. Wer liest schon gerne Zweidrittel einer Erzählung und muss dann mehrere Monate auf die Auflösung warten.

Aber um was geht es denn eigentlich? Wenn ich ehrlich bin, dann habe ich keine Ahnung. Es gibt zwei Hauptpersonen, einen Mann und eine Frau. Beide haben problematischen Kontakt zu einer japanischen Sekte und leben im Jahr 1984 (*zwinkerzwinker*). Das sind die harten Fakten, der Rest verschwimmt in einem großen Durcheinander aus Alltagsbeschreibungen des japanischen Lebens und kurzen fantastischen Momenten mit kleinen Menschen, die aus toten Ziegen klettern. In epischer Breite wird über das Arbeiten eines nicht besonders erfolgreichen Schriftstellers berichtet und beim Leser stellt sich die Frage, ob der Autor Murakami gerade sich selbst dabei beschreibt, wie er den vorliegenden Roman mühsam in eine lesbare Form bringt.

Die beschriebenen Handlungen, welche sich nach und nach zu einem größeren, aber nicht klareren, Bild zusammenfügen, sind beinah banal. Ein großer Spannungsbogen ist kaum zu finden, da man als Leser nicht weiß, wofür es sich zu interessieren lohnt. Als vorbelasteter Murakami-Leser ist einem dieser Zustand nicht unbekannt, aber noch nie hat sich der nun schon 62-jährige derart ausschweifend geäußert. Der Japaner ist ein Erzähler für die melancholisch gelangweilte Generation ohne Ziel. Man ist so irgendwo angekommen, wo es einem ganz gut geht, aber von da kommt man nicht weiter. Dann sitzt man mit einem Tee am Küchenfenster, schaut die grauen Wolken an und blättert nickend durch 1Q84. Liest darüber, wie man die ein oder andere japanische Speise zubereitet, wie es so ist, mit der japanischen Bahn zu reisen und wie man ältere japanische Herren mit schöner Kopfform zum Beischlaf überredet. Dabei vergisst man leicht die Zeit und schnell sind 200 Seiten gelesen, ohne dass die Geschichte sich auch nur einen Zentimeter bewegt hat.

Murakami schreibt fesselnd ohne zu übertreiben, schreibt kurz und präzise,  schreibt über viele Details und bleibt doch immer vage. Ich habe keinen Schimmer, wie er das anstellt, aber es ist verdammt gut gemacht. Leider muss er seinen Schreibstil aber auf irgendeine Geschichte anwenden und da versackt sein Können dann im großen Nichts. Ich will ihm dabei nicht unterstellen, dass er sich bei all den Seiten nichts gedacht hat, aber wenn Murakami auf Seite 944 von 1022 seiner Heldin folgenden Gedanken zuschreibt:

„Aomame schüttelte den Kopf. Es gab so vieles, das sie noch nicht verstand.“

dann möchte ich das Buch am liebsten zuschlagen und nie wieder öffnen. Ich habe es dann doch zu Ende gelesen, aber natürlich gab es nicht mal den Hauch einer Auflösung. Teil Drei muss schließlich auch noch verkauft werden. Ob ich mich auf dieses Spiel einlasse, kann ich heute noch nicht sagen.

Wofür ich allerdings gerne bezahlen würde, wäre ein weiteres toll ver- und bearbeitetes Buch, wie es die Damen und Herren von Dumont hier vorgelegt haben. Ich bin kein besonderer Freund von Hardcover-Ausgaben, aber bei einem solchen Brocken lässt es sich nicht vermeiden. Die markante Umschlaggestaltung der Münchener Werbeagentur Zero ist wunderbar schlicht und klar, ohne langweilig zu sein. Die Geprägte Schrift mit Spiegeleffekt und der Autorenname auf dem Hohlschnitt sind Hingucker.

Die gute Bindung erlaubt es, dass Buch auf jeder Seite aufzuschlagen und zu lesen, ohne dass die einzelnen Seiten festgehalten werden müssen.

Die Seiten sind dünn, aber noch nicht so unangenehm dünn wie in einer Bibel.

Auch die Textgestaltung ist hervorragend gelöst. Es gibt ausreichend breite Ränder und Weißraum auf jeder Seite. Die Kapitel beginnen mit dezenten und klaren Überschriften und die gewählten Schriftarten (Elzevir und Antique Olive) sind gut zu lesen und schön anzuschauen, was bei 1000 Seiten Blocksatz viel Lesekomfort ausmacht.

Der Abschlussteil von 1Q84 wird nicht mehr so umfangreich sein und damit auch nicht die Preisregionen von 32€ erreichen, was mir die Entscheidung für den Kauf erleichtern sollte. Am Ende will ich dann doch wissen, wie die lahme Geschichte ausgeht.

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3 Gedanken zu “Haruki Murakamis „1Q84“ lesen und ein Exkurs in Typografie

  1. Hallo,
    Bin ein großer Murakamifan und kann die Kritik in Teilen verstehen, aber eine Auflösung zu vermissen ist bei Murakami Quatsch, die gibt es nie. Höchstens in Teilen, aber was hier fehlt ist eher ein Ende, nicht im Sinne einer Beantwortung aller Fragen.
    Ein bisschen unbefriedigend ist das bei 1Q84 aber schon.
    Ich wurde nicht gelangweilt, aber nicht so gefesselt wie es bei anderen Werken von ihm der Fall ist.
    Vielleicht ist das ganze aber auch erst mit dem dritten Teil richtig zu beurteilen…

    Gruß,

    Philipp

  2. Da gebe ich dir recht, es fehlt einfach das Ende. Ich erwarte von ihm auch keine klare Erklärung. Bisher habe ich Kafka am Strand und Hard-boiled Wonderland … gelesen und da wird ja auch nicht jedes Element der Geschichte erklärt.

    Was mich allerdings wundert ist, dass in der gesamten deutschen Ausgabe ein dritter Teil nie erwähnt wird. Für den unbedarften Leser kann das schnell nach hinten losgehen.

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