E-Reader testen

Aus Gründen, die ich zum Schutz meiner geheimen Geheimidentität nicht verraten kann, stand ich in einer Thalia-Filiale irgendwo in der Republik und hatte einen E-Reader in der Hand. Er hört auf den Namen Oyo und wird von Medion produziert. Medion, ihr wisst schon, die mit den Aldi-PCs. Damit könnt ihr euch ungefähr die Qualität des Oyos vorstellen. Gut bürgerlich und handfest. Er fällt nicht sofort auseinander, aber ein Schmuckstück ist er auch nicht. Der erste Eindruck ist also in Ordnung. Dann aber schaltet man das Gerät an und blättert die erste virtuelle Seite um. Danach legt man den Oyo zur Seite und geht still davon.

Ich könnte jetzt ein wenig technisches Gebrabbel loslassen, aber lassen wir die Gründe mal beiseite und schauen uns nur das Ergebnis an. Thalia bewirbt einen E-Reader, der erstmals in Deutschland mit einem relativ niedrigen Preis von 139€ die konservativen Leser von der digitalen Lesetechnik überzeugen soll und dann dauert es 4 Sekunden, bis eine Seite umgeblättert ist.

Ich demonstriere euch mal, wie lange es dauert, eine normale Papierseite umzublättern. Achtung! Fertig! Umgeblättert. Jetzt der Oyo: Achtung! Fertig! Uuuuuummmmmmmmgeeeeeblättttttteeeee … ZzzZzzz … BrzzzZz … ert.

Jetzt nochmal der Vergleich mit einem spannenden Text. Nehmen wir an, ihr seid gerade voll im Lesefluss und müsst umblättern.Papier: „Langsam näherten sich Schritte aus dem Dunkeln. Jack wusste nicht, wer sich dort anschlich, aber nach den Ereignissen der letzten Tagen war er auf alles vorbereitet. Er hob die Taschenlampe und leuchtete hinein ins schwarze Nichts und ein Schock fuhr ihm durch die Knochen. UMGEBLÄTTERT Es war Frank, der Gärtner.“ Easy. Jetzt der Oyo: „Mit zittrigen Fingern öffnete Jack den Brief, zerriss Siegel und Umschlag und blickte auf die Lösung des düsteren Geheimnis, welches schon so vielen Menschen zum Verhängnis wurde. Nicht Bob von Blumental war sein Vater und Anführer des Ordens, sondern TASTE GEDRÜCKT WARTEN WARTEN FAST GESCHAFFT FERTIG Fred von Singfeld, der uneheliche Schwager seiner Mutter, dritten Grades.“ Shockingly awful.

Wenn die Seiten sich irgendwann mal aufgebaut haben, ist die Darstellung des Textes auf dem Oyo ganz ordentlich. Klare Buchstaben, gute Kontraste und unterschiedliche Schriftarten und -größen gestalten das Lesen recht angenehm. Nehmen wir also mal ganz hypothetisch an, wir könnten uns mit der Trägheit des Bildschirms anfreunden, dann bräuchten wir nur noch den richtigen Lesestoff. Thalia hat dafür einen eigenen Shop eingerichtet, der auch direkt über den Oyo angesteuert werden kann. Jetzt stellt euch mal vor, ihr wollt einen Roman von eurem Lieblingsautor Michel Houellebecq lesen und müsst dafür seinen Namen in die Suchmaske eintippen. Mit dem Oyo-Touchscreen. Dem Touchscreen. 4 Sekunden pro Reaktion. Selbst wenn ihr nur den Nachnamen eingebt, dann dauert allein das Eintippen 44 Sekunden. Die Hölle. Und wisst ihr, was dann passiert? Ihr findet keinen einzigen seiner Romane. Keinen Einzigen. Im Shop sind 50000 Ebooks vorrätig. Pro Jahr erscheinen in Deutschland 80000 Neuerscheinungen. You do the maths.

Gut, ich stand also in dieser Thalia-Filiale und überall war Werbung für den Oyo. Plakate und Flyer auf jeder Etage. Und wer stand alleine an einem Tisch mit vier Testgeräten? Moi. In der Viertelstunde, die ich dort verbrachte, kam ein gelangweilter 10-jähriger Junge vorbei und patschte einmal auf den Touchscreen eines Oyos, sah, dass nichts passierte und drehte sich noch gelangweilter als vorher um und lief zu seiner Mutter. In diesem Moment reagierte der Bildschirm und zeigte das Hauptmenü. Da war der Knabe leider schon weg.

Ich war dann auch schnell weg und fingerte an einem Sony Reader herum, der ebenfalls von Thalia verkauft wird, aber in sicherer Entfernung zu den Oyos präsentiert wurde. Die Touch Edition ist das eindeutig ausgereiftere Produkt, kostet aber auch stolze 219€.

Um dem traurigen Schauspiel noch einen krönenden Abschluss zu bescheren, belauschte ich ein Gespräch zweier Verkäufer, die sich über die Rückgabebedingungen des Oyos absprachen. Ladekabel und Gerät waren wichtig, Anleitung und Verpackungen zu vernachlässigen. Nachdem die Strategie festgelegt war, ging eine Verkäuferin zurück zu einem wartenden Kunden und nahm ihren ersten Oyo zurück. Wahrscheinlich wird er nicht der letzte Rückkehrer bleiben.

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7 Gedanken zu “E-Reader testen

  1. Hab den Oyo auch kurz ausprobiert; ich glaubte zuerst an einen Fehler des Gerätes, als das umblättern sooo lange dauert. War es aber nicht.
    Ich hab dann den Sony PRS-650 genommen, da geht das umblättern so wie es soll, hat außerdem ein paar Wörterbücher eingebaut (dopppel-touch auf ein Wort und tada sind die Übersetzungsvorschläge da, sehr praktisch) und man kann Stellen markieren und dann nachlesen.
    Kostet halt deutlich mehr und hat kein W-Lan.
    Schmeißt eigentlich Thalia bei euch in Deutschland auch so mit 5,- € – Gutscheinen für Online-Einkäufe um sich? Die versuchen sich wohl als Konkurrenz zu Amazon.

    1. Jep. 5€ Gutscheine gibt es auch in Deutschland recht häufig. Zu Weihnachten wurde ich auch per Mail mehrmals darauf hingewiesen doch bitte meinen Gutschein endlich einzulösen.

      Wer sich nicht von den Einschränkungen bei den Dateiformaten des Amazon Kindles abschrecken lässt, der sollte noch bis Februar warten, dann wird Amazon wahrscheinlich auch mit einem deutschen Buchangebot komplett in den hiesigen Markt eintreten und den Preiskampf bei den Geräten noch einmal ankurbeln. So schön die Sony Geräte auch sind, 200€ ist mir noch immer zu viel Geld für einen E-Reader.

      1. Stimmt. Ich hab ihn mir als Luxusartikel und vorgezogenes Weihnachtsgeschenk für mich selbst gekauft :-) Ich gönn mir ja sonst nix.

  2. Warum warten,
    den Kindle kannst du auch für 180 Euro in England bestellen. Da muss man dann nicht einmal Zoll zahlen. Oder bin ich da Falsch Informiert ?

    „Wer sich nicht von den Einschränkungen bei den Dateiformaten des Amazon Kindles abschrecken lässt,…“

    Laut Amazon Seite wird im neuen Kindle das PDF-Format nativ unterstützt. Und in ein PDF bekommt man ja so ziemlich alles.

    Zwei Freunde aus der Uni haben sich den Kindle in den USA bestellt, deshalb konnte ich ihn schon mal in der Hand halten. Es ist echt ein schickes Gerät. Der Bildschirm ist im Vergleich zu 8ms von LCD’s mit Gefühlen 0.5 Sek. zwar langsam, aber weit weit weg von dem hier Beschriebenen. Toll ist auch die kostenfreie Nutzung von Wikipedia, ‚überall‘ wo es 3G gibt.

    Gruß und frohe Festtage.

    1. Ist alles richtig, was du schreibst, aber Amazon bietet keinen deutschen Store an. Du kannst nur auf den englischen Store zugreifen und dementsprechend wenig bis keine deutsche Literatur kaufen. Der deutsche Store soll erst Anfang nächsten Jahres starten.

      Bei den Formaten bietet der Kindle kein ePub an, welches momentan das Standartformat für Ebooks darstellt. Pdfs sind zwar ganz nett, aber haben eine feste Formatierung, welche viele Vorteile von Ebooks zunichte macht.

    2. Vielleicht hast du ja mal Gelegenheit pdfs von verschiedenen Quellen auf dem Kindle zu testen. Wär interessant, wie komfortable sich das lesen lässt.
      Der Sony bietet zwar viele Einstellungmöglichkeiten für pdf-Dateien, aber wenn man die Wahl hat, dann greift man zu epub. Fließtext ist bei ’nem eBook-Reader und variabler Textgröße halt von Vorteil. Angeblich braucht der Reader für ein pdf auch mehr Strom, je nach dem, wie fehlerfrei es komprimiert wurde und wie viel Bilder drin sind.

      1. Werde mal schauen, ob ich das Teil im neuen Jahr nochmal in die Finger bekomme. Werde dann berichten.

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