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Radioheads “King of Limbs” hören

Niemand sonst.

Wer außer Radiohead könnte es sich erlauben, einfach mal so am Beginn einer Woche ein neues Album für Ende der Woche anzukündigen, um es schließlich sogar noch einen Tag früher zu veröffentlichen? Wahrscheinlich niemand.

Am Montag saß ich vor der schlichten Homepage kingoflimbs.com und haderte noch mit mir. Ich bin kein eingefleischter Radiohead-Fan, aber ihr letztes Album In Rainbow hatte mir sehr gut gefallen. 2007 veröffentlichten sie In Rainbow zuerst nur online und ließen jeden Hörer selbst entscheiden, was er zu bezahlen bereit war. Ich zahlte 0€, verliebte mich in einige der Songs und kam mir danach etwas schäbig vor.

Dieses Mal fiel die Preisgestaltung nicht so radikal aus. Für das 8 Song lange neue Album King of Limbs wurden in der günstigsten Variante 7€ verlangt. Das erschien mir fair, aber zu einer Vorbestellung konnte ich mich doch nicht durchringen. Es gab keine Hörprobe und keinerlei Hinweis in welche Richtung sich die Musik eventuell entwickelt haben könnte. Ich hatte Angst vor der Katze im Sack.

Ich wollte also bis Samstag, dem offiziellen Verkaufsstart, warten. Dann würden schon allerlei Möglichkeiten zum Probehören entstehen. Natürlich überraschten Radiohead erneut und öffneten die Downloadschleusen schon am Freitag, 24 Stunden früher als geplant. Gleichzeitig veröffentlichten sie ein neues Video mit einem Song vom Album.

 

In gewohnt eigenwilliger Art und Weise tanzte sich Thom Yorke durch “Lotus Flower” und ich war überzeugt. Das klang vielschichtig, verspielt, sexy, antreibend und verzaubernd. Dafür könnte ich 7€ bezahlen und mich vom Umsonstkauf des letzten Albums reinwaschen.

Während ich diese Zeilen schreibe, höre ich King of Limbs zum vierten Mal und weine nur ein paar meiner Cents hinterher. Ich hätte mir noch ein zwei weitere schnelle Lieder gewünscht, die zwischen solch psychedelischen Geweben wie “Give Up The Ghost” oder “Codex” für etwas mehr Schwung sorgen könnten. Mir gefallen die knatternden Radiohead Songs [Bodysnatchers – youtube] einfach besser und da liegt für mich ihre Genialität. Die ruhigeren Nummern sind für Musikwissenschaftler sicherlich interessant zu sezieren, treffen mich aber nicht ins Herz. Dafür sind andere [Karen Elson – youtube] zuständig.

Am Ende bleibt eine Platte, die ich noch das ganze Jahr lang erforschen werde. Es ist eine alte Weisheit, aber man kann es nicht oft genug sagen. Kaum eine Band konstruiert solche Songs, die sich mit jedem Hören mehr und mehr in den Gehörgang hinein winden, wie Radiohead. Und keine Band geht so schön selbstverständlich mit der Möglichkeit des Internets um wie Radiohead. Entspannt und unaufgeregt wird die eigene Platte vorbei an iTunes und Amazon verkauft. Es gängelt kein DRM, die Bestellung ist problemlos und alles Geld bleibt in ihrer Tasche. Applaus dafür und hoffentlich ein Ansporn für alle Musiker da draußen. Ich weiß, nicht jeder kann sich das leisten und bekommt so locker Millionen von Käufern zusammen, aber der Weg, die ersten Erlöse durch den eigenen Onlineverkauf zu generieren und danach auf bewerte Verkaufsstrategien mit CDs und Vinyl zurückzugreifen, ist zukunftsweisend und wird ja auch von anderen Kollegen wie NIN erfolgreich propagiert.

Zurückblicken und nach Vorne schauen

Das Jahr 2010 ist rum.

Im Leben:

  • Ich habe Geocaching für mich entdeckt. Die ersten 10 Caches sind gefunden und ich kann es jedem empfehlen, der einen Anreiz sucht, um mal ein wenig durch unsere urbane oder ländliche Umgebung zu wandern.
  • An Bahnsteigen warten wurde 2010 zu einer meiner liebsten Beschäftigungen. Erst, weil Bauarbeiten zwischen Nürnberg und Erlangen meine Pendlerzüge durcheinander brachten, dann, weil es plötzlich Winter wurde. Höhepunkt war eine dreistündige Heimreise, die unter normalen Umständen nur 45 Minuten gedauert hätte. Nerviger als die Wartezeiten waren allerdings nur die anderen Reisenden. Wenn jeder “Nie wieder Bahn”-Schwätzer seine Äußerungen auch in die Tat umsetzt, werden die Bahnfahrten 2011 an Entspannung nicht zu überbieten sein.

Auf dem Papier:

  • Moment … also irgendwas Gutes muss ich doch 2010 gelesen haben. Puh. Ne. Oder.
  • Es war auf jeden Fall zu wenig. Ich habe keinen aktuellen Roman gelesen und auch bei älterem Lesestoff sah es sehr mau aus. Dabei ist meine Leseliste bis zum Bersten gefüllt. Dafür müsste ich mich nur sechs Monate irgendwo einschließen und Tag und Nacht lesen. Man kommt einfach zu nix.
  • Oh, doch. Einen habe ich. Den besten deutschen Comic 2010. Jens Harders Alpha. Directions. Mehr Bilderbuch als Comic und mehr Sachbuch als Geschichte und mehr faszinierend als wirklich spannend zu lesen, aber damit sehr viel mehr als viele Bildergeschichten je schaffen.

Im Film:

  • 2010 ist mein an Kinobesuchen ärmstes Jahr seit Beginn der Zeitrechnung. Ich sah nur Up in the Air, Shutter Island, Kick-Ass, Inception, Salt und The Social Network.
  • Zum Glück war keiner der oben genannten Filme eine Gurke. Alle haben mir ein paar schöne Filmmomente beschert.
  • Unter den 100 weiteren Filmen, die ich dieses Jahr auf dem Sofa geschaut habe, war leider kein Film, den ich für immer in mein Herz schließen werde. Am ehesten noch Der Fantastische Mr. Fox.

In der Musik:

  • Arcade Fire haben mit The Suburbs das wohligste Album 2010 rausgebracht.
  • Kings of Leon machen mit Come Around Sundown leider weiterhin nur guten Stadion-Rock.
  • Belle & Sebastian tauchen nach Jahren wieder mit einer neuen LP auf. Ich verliebe mich sogleich in Write About Love.
  • Tame Impalas Desire Be Desire Go wird mein verspäteter Song des Jahres.

 

2011 wird super, weil:

  • True Grit, der neue Coen Brüder Film, in die deutschen Kinos kommt. Außerdem starten: Black Swan, Rango und The Tree of Life.
  • Ich total viel lesen werde. Bestimmt. Hoffentlich. 270 Seiten von Murakamis 1Q84 sind schon geschafft.
  • Neue Alben von den Arctic Monkeys, The Kills, den Decemberists und …And You Will Know Us by the Trail of Dead.
  • Schon Ende Januar erscheint der Nachfolger zum besten Sci-Fi-Horrorspiel der letzten Jahre: Dead Space 2. Außerdem hoffentlich auch toll: The Last Guardian (vielleicht erscheint es ja wirklich 2011) und L.A. Noire.

Aber eigentlich wird 2011 super, weil es neue überraschende Dinge geben wird, die wir noch gar nicht erahnen können. Vorfreude ist ja angeblich die schönste Freude, aber ich mag die Überraschung noch mehr. Deswegen schnell Schluss mit irgendwelchen obskuren Vorhersagen, die dann eh nicht eintreffen werden.

Lassen wir uns überraschen und ein frohes Neues euch allen.